Neue und teure Chemotherapien
bringen schwer krebskranken Patienten keinen Nutzen
Trotz der Behandlung mit immer teureren Chemotherapien hat sich die Überlebensrate
für Patienten mit Organkrebsen im
fortgeschrittenen Zustand mitnichten verbessert. Das offenbaren neue Zahlen des
Krebsregisters der Universität München, die DER SPIEGEL in Ausgabe 41/2004
veröffentlichte. "Was das Überleben bei metastasierten Karzinomen
in Darm, Brust, Lunge und Prostata angeht, hat es in den vergangenen 25 Jahren
keinen Fortschritt gegeben", sagte der Epidemiologe Dieter Hölzel dem
Nachrichten-Magazin. Mit jährlich etwa 100.000 Todesopfern allein in Deutschland
sind diese Tumorarten nach wie vor die großen Killer. Hölzel hat zusammen
mit Onkologen die Krankengeschichten Tausender Krebspatienten dokumentiert, die
in und rund um München seit 1978 nach dem jeweiligen Stand der Medizin behandelt
wurden. Während die Kurve für Darmkrebs eine geringfügige Besserung
zeigt, ist die Überlebensrate für Brustkrebs im Laufe der Jahre sogar
gesunken. Nach Ansicht des Epidemiologen handelt es sich um zufällige Schwankungen
ohne Aussagekraft; aber selbst noch Schlimmeres könne er nicht ausschließen.
Hölzel: "Ich befürchte, dass die systematische Ausweitung
der Chemotherapie gerade bei Brustkrebs für den Rückgang der Überlebensraten
verantwortlich sein könnte." Die Zahlen der Universität
München wurden von Klinikern bestätigt. Der Gynäkologe Gerhard
Schaller von der Universität Bochum sagte dem SPIEGEL: "Für das
Überleben von Frauen mit fortgeschrittenem Brustkrebs hat die Chemotherapie
bisher praktisch nichts gebracht - viel Lärm um nichts." Auch Wolfram
Jäger, Leiter der Gynäkologie der Städtischen Kliniken der Landeshauptstadt
Düsseldorf, hat ähnliche Erfahrungen gemacht: "Es gab und gibt
keine Erfolge. Da werden riesige Mengen von Frauen behandelt, ohne dass ein Nutzen
tatsächlich bewiesen wäre. Wenn Sie das den Patientinnen sagen, die
verzweifeln ja total." Hersteller hingegen werben mit Überlebensvorteilen
für ihre Zellgifte (Zytostatika). Bundesweit summierte sich der Umsatz der
Zytostatika zwischen August 2003 und Juli 2004 auf 1,8 Milliarden Euro - ein Plus
von 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
[Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/0,1518,321160,00.html]